Hilfen für behinderte Menschen beantragen

Damit Menschen mit Behinderung die Chance haben, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, wurden verschiedene finanzielle Hilfen und Vergünstigungen etabliert. Viele wissen aber gar nicht, welche Hilfen für behinderte Menschen es überhaupt gibt. Andere wissen nicht, an wen sie sich wenden müssen, um Hilfen oder Vergünstigungen in Anspruch nehmen zu können. Die wichtigsten Infos zu diesem Thema haben wir deshalb hier für Dich zusammengestellt.

Schwerbehinderung, Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsminderung, Pflegebedürftigkeit und Hilfebedürftigkeit- was bedeuten diese Begriffe?

Zunächst einmal ist wichtig, dass Du die wesentlichen Begrifflichkeiten kennst und die Unterschiede verstehst. Eine Schwerbehinderung bedeutet nämlich nicht automatisch, dass bei Dir auch eine Erwerbsminderung vorliegt. Und wenn Du arbeitsunfähig bist, bist Du nicht automatisch hilfebedürftig. Aber der Reihe nach:

  • Schwerbehinderung bedeutet, dass bei Dir eine Behinderung festgestellt wurde. Diese Behinderung beeinträchtigt Dich in Deinem Lebensalltag. Das Ausmaß Deiner Einschränkungen wird durch den Grad der Behinderung, kurz GdB, ausgedrückt. Der GdB beginnt bei 20 und erhöht sich in Zehnerschritten bis 100. Ab einem GdB von 50 liegt eine Schwerbehinderung vor. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Du einen Schwerbehindertenausweis bekommen kannst.
  • Arbeitsunfähigkeit ist ein Begriff aus dem Arbeitsrecht. Wenn Du arbeitsunfähig bist, heißt das, dass Du wegen einer Erkrankung nicht arbeiten gehen kannst. Im Alltag ist der Ablauf so: Du fühlst Dich nicht fit und gehst zum Arzt. Er stellt Dir eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für Deinen Arbeitgeber aus. Im Volksmund wird die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auch Krankenschein oder (wegen der Farbe des Formulars) gelber Zettel genannt. Auf dem Attest trägt der Arzt auch ein, wie lange Du voraussichtlich arbeitsunfähig sein wirst. Durch das Attest schreibt Dich der Arzt also für eine bestimmte Zeit krank.
  • Erwerbsminderung ist ein rentenrechtlicher Begriff. Bist Du erwerbsgemindert, heißt das, dass Du keiner Erwerbstätigkeit nachgehen kannst. Dieser Zustand muss aber dauerhaft vorliegen. Zudem bezieht sich die Erwerbsminderung nicht nur auf Deinen aktuellen Job. Stattdessen muss Deine Erkrankung oder Behinderung dazu führen, dass Dein Leistungsvermögen für alle Tätigkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aufgehoben oder zumindest stark eingeschränkt ist. Nur dann liegt eine Erwerbsminderung im rentenrechtlichen Sinne vor. Früher gab es noch die Begriffe der Erwerbsunfähigkeit und der Berufsunfähigkeit. Im Zuge einer Rentenreform sind diese Begriffe aber praktisch abgeschafft worden.
  • Pflegebedürftigkeit ist gegeben, wenn Du auf die Pflege und die Betreuung durch eine Pflegeperson angewiesen bist, um Deinen Alltag bewältigen zu können. Ob und in welchem Umfang das der Fall ist, stellt die Pflegeversicherung fest. Je nach Ausmaß Deiner Pflegebedürftigkeit wirst Du einer Pflegestufe zugeordnet. Die Pflegestufe wiederum entscheidet darüber, welche Leistungen Du von der Pflegekasse erhältst.
  • Hilfebedürftigkeit bezieht sich auf Deine finanzielle Situation. Erzielst Du kein Einkommen oder reicht Dein Einkommen nicht aus, um Deinen Lebensunterhalt zu sichern, liegt Hilfebedürftigkeit vor. In diesem Fall kannst Du staatliche Hilfen beantragen.

 

Welche Hilfen beinhaltet der Schwerbehindertenausweis?

Hilfen für behinderte Menschen beantragenUm einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen, musst Du Dich an das Amt wenden, das in Deinem Bundesland zuständig ist. Je nach Bundesland sind das die Landesämter für Soziales, Jugend und Familie, die Versorgungsämter oder die Landratsämter. Bei dem Amt reichst Du das ausgefüllte Antragsformular und am besten ärztliche Unterlagen und Gutachten ein. Das Amt prüft daraufhin Deine Unterlagen. Bei Bedarf kann es Dich auch zu einer Untersuchung einladen oder sich weitere Infos von Deinen behandelnden Ärzten einholen. Stellt das Amt fest, dass bei Dir ein Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 vorliegt, erhältst Du einen Schwerbehindertenausweis. Maßgeblich für die Beurteilung sind aber nicht die Diagnosen als solches. Es kommt vielmehr darauf an, ob und wie sehr Dich Deine Erkrankungen oder Behinderungen einschränken. Jeder Erkrankung wird ein bestimmter GdB zugeordnet. Diese Werte werden dann aber nicht einfach zusammengezählt, sondern im Ganzen betrachtet. Es wird also ein Gesamt-GdB gebildet.

Beispiel: Du hast drei verschiedene Erkrankungen. Die Beeinträchtigungen, die sich daraus ergeben, führen bei einer Erkrankung zu einem GdB von 40 und bei den beiden anderen Erkrankungen zu einem GdB von jeweils 20. Im Ergebnis führt das aber nicht zu einem Gesamt-GdB von 80. Stattdessen wird ein Gesamt-GdB von beispielsweise 50 festgestellt. Ab einem GdB von 50 giltst Du als schwerbehindert und bekommst einen Schwerbehindertenausweis.

Durch den Schwerbehindertenausweis genießt Du einen besonderen Kündigungsschutz und hast Anspruch auf mehr Urlaub. Außerdem kannst Du den Behindertenpauschbetrag bei der Steuererklärung geltend machen. Im Alltag führt der Schwerbehindertenausweis unter anderem dazu, dass Du an vielen Stellen nicht den vollen Eintritt bezahlen musst und bei einigen Versicherungen Vergünstigungen bekommst. Unter http://www.betanet.de/download/tab3-gdb-nachteilsausgl4.pdf findest Du eine Übersicht mit den genauen Vergünstigungen.

Weitere Nachteilsausgleiche kannst Du in Anspruch nehmen, wenn Dein Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen ausgestellt wird. Als Merkzeichen gibt es

  • G für erhebliche Gehbehinderung bzw. erheblich eingeschränkte Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr,
  • aG für außergewöhnliche Gehbehinderung,
  • H für hilflos,
  • Bl für blind,
  • Gl für gehörlos,
  • B für die ständige Notwendigkeit einer Begleitperson und
  • RF für die Befreiung von den Rundfunkgebühren.

Je nach Merkzeichen kannst Du dann öffentliche Verkehrsmittel kostenfrei nutzen, musst nur die halbe Kfz-Steuer bezahlen, hast Anspruch auf einen Behindertenparkausweis oder bist von den Rundfunkgebühren befreit. Der Schwerbehindertenausweis wird für maximal 5 Jahre ausgestellt und kann dann zweimal verlängert werden. Nur in Ausnahmefällen wird er unbefristet ausgestellt. Nach Ablauf der zweiten Verlängerung musst Du den Schwerbehindertenausweis neu beantragen. Ändert sich Dein Gesundheitszustand während der Gültigkeit, musst Du die zuständige Stelle informieren. Dies gilt sowohl bei einer Verschlechterung als auch bei einer Verbesserung. Die Behörde prüft dann, ob Dein GdB angepasst und die Merkzeichen geändert werden müssen.

 

Wie hoch ist der Behindertenpauschbetrag, der steuerlich geltend gemacht werden kann?

Bedingt durch eine Behinderung können im Lebensalltag schnell hohe Mehraufwendungen zusammenkommen. Um diese Nachteile auszugleichen, gibt es im Steuerrecht Behindertenpauschbeträge. Sie sind nach dem festgestellten Grad der Behinderung gestaffelt:

 

Grad der BehinderungPauschbetrag
Bis 30310 Euro
40430 Euro
50570 Euro
60720 Euro
70890 Euro
801.060 Euro
901.230 Euro
1001.420 Euro

Sind in Deinem Schwerbehindertenausweis die Merkzeichen H oder Bl eingetragen, erhöht sich der Pauschbetrag auf 3.700 Euro. Die Pauschbeträge werden automatisch abgezogen. Du musst Deine Aufwendungen also nicht einzeln nachweisen. Hast Du allerdings Kosten gehabt, die deutlich höher waren als der Pauschbetrag, kannst Du natürlich auch die tatsächlichen Aufwendungen geltend machen. Um nachzuweisen, dass Du Anspruch auf den Behindertenpauschbetrag hast, musst Du Deiner Steuererklärung eine Kopie von Deinem Schwerbehindertenausweis, von einem Bescheid des Versorgungsamtes oder von einem Rentenbescheid beilegen.

 

Welche Hilfen sichern den Lebensunterhalt von Menschen mit Behinderung?

Viele Menschen mit Behinderung möchten ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und oft ist dies auch möglich. Allerdings gibt es mindestens genauso viele Erkrankungen und Behinderungen, die es unmöglich machen, einem Beruf nachzugehen. In diesem Fall gibt es verschiedene staatliche Finanzhilfen. Welche davon Du in Anspruch nehmen kannst, hängt von Deiner individuellen Situation ab.

  • Bist Du volljährig und dauerhaft voll erwerbsgemindert, kannst Du die sogenannte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung beantragen. Voraussetzung für die Bewilligung der Leistung ist, dass Du Deinen Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestreiten kannst. Erzielst Du Einkünfte, die aber nicht ausreichen, kann Dein Einkommen durch die Grundsicherung aufgestockt werden. Die Grundsicherung umfasst mehrere Bestandteile. So gibt es zunächst den Regelsatz. Er beträgt 374 Euro, für jedes weitere Haushaltsmitglied kommen weitere 262 Euro dazu. Hast Du einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeichen G oder aG erhöht sich Dein Regelsatz um 17 Prozent. Außerdem beinhaltet die Grundsicherung die Aufwendungen für die Unterkunft und die Heizung in angemessener Höhe. Die Beiträge für die Kranken- und die Pflegeversicherung werden ebenfalls übernommen. Musst Du aufgrund Deiner Behinderung eine spezielle Ernährung zu Dir nehmen, wird hierfür ein Mehrbedarf bewilligt. Die Grundsicherung musst Du bei der Kommune, in der Du wohnst, beantragen.
  • Liegt bei Dir eine Behinderung vor, die zu einer Erwerbsminderung im rentenrechtlichen Sinne führt, kannst Du eine Rente wegen Erwerbsminderung beantragen. Die volle Erwerbsminderungsrente bekommst Du, wenn Du weniger als drei Stunden pro Tag arbeiten kannst. Reicht Dein Leistungsvermögen aus, um zwischen drei und sechs Stunden täglich zu arbeiten, erhältst Du die teilweise Erwerbsminderungsrente. Die Teilerwerbsminderungsrente entspricht der halben Rente bei voller Erwerbsminderung. Neben einigen versicherungsrechtlichen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, wird die Erwerbsminderungsrente aber nur dann gewährt, wenn Dein Leistungsvermögen für alle Tätigkeiten erloschen ist. Es spielt also keine Rolle, was Du gelernt und in welchen Berufen Du gearbeitet hast. Gibt es irgendeinen Job, den Du trotz Deiner Behinderung machen könntest, kann Dich der Rententräger auf diesen Beruf verweisen. Die Erwerbsminderungsrente bekommst Du dann nicht.
  • Liegt bei Dir eine Behinderung vor, aber wurde keine Erwerbsminderung festgestellt, kannst Du Arbeitslosengeld 2 oder Sozialgeld beantragen. Arbeitslosengeld 2 setzt voraus, dass Du dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehst. Du musst also trotz Deiner Behinderung so fit sein, dass Du grundsätzlich einer Berufstätigkeit nachgehen könntest. Bist Du hingegen arbeitsunfähig erkrankt und wird sich daran auf längere Sicht oder dauerhaft nichts ändern, stehst Du dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Folglich hast Du auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld 2. Stattdessen ist in diesem Fall Sozialgeld vorgesehen. Die Leistungen bei Arbeitslosengeld 2 und Sozialgeld sind nahezu identisch. Beides musst Du bei dem Jobcenter oder der der Arge, die für Deinen Wohnort zuständig sind, beantragen.

 

Welche Leistungen erbringt die Pflegeversicherung bei einer Behinderung?

Leistungen der PflegeversicherungOb Du Leistungen aus der Pflegekasse erhältst, hängt nicht von der Art Deiner Erkrankung oder Behinderung ab. Für die Pflegekasse kommt es darauf an, ob bei Dir Pflegebedürftigkeit gegeben ist. Dabei ist der Ablauf so: Du beantragst Leistungen bei der Pflegeversicherung. Sie schickt daraufhin einen Gutachter vorbei. Der Gutachter macht sich bei Dir vor Ort ein Bild davon, wie Du lebst und in welchem Umfang Du bei welchen Tätigkeiten Hilfe brauchst. Dafür hat der Gutachter einen Katalog mit fest definierten Kriterien. Auf Basis seiner Feststellungen empfiehlt der Gutachter die Einstufung in eine Pflegestufe. Die Pflegekasse prüft das Gutachten und kann der Empfehlung folgen oder auch anders entscheiden. Stellt die Pflegekasse Pflegebedürftigkeit fest, wird sie eine Pflegestufe zuweisen. Von dieser Pflegestufe hängt ab, wie hoch die Leistungen sind. Wenn Du zu Hause betreut werden kannst, kannst Du Sachleistungen, Pflegegeld oder eine Kombination aus beiden in Anspruch nehmen. Dabei gelten folgende Sätze:

  • Bei Pflegestufe I beträgt der Gesamtwert der monatlichen Leistungen 450 Euro, das Pflegegeld ist auf 235 Euro begrenzt.
  • Bei Pflegestufe II belaufen sich die Gesamtleistungen auf 1.100 Euro. Als Pflegegeld kannst Du davon bis zu 440 Euro bekommen.
  • Bei Pflegestufe III sind Leistungen im Gesamtwert von 1.550 Euro, in Härtefällen von 1.918 Euro vorgesehen. Als Pflegegeld sind maximal 770 Euro möglich.

Ist Deine Alltagskompetenz erheblich eingeschränkt, kannst Du außerdem ergänzende Leistungen beantragen. Sie betragen 100 Euro, wenn Dein Betreuungsbedarf eher gering ist, und 200 Euro bei einem erhöhten Betreuungsbedarf. Ist es notwendig, Deine Wohnung behindertengerecht umzubauen, kannst Du Zuschüsse von bis zu 2.557 Euro pro Umbaumaßnahme bekommen. Erfordert Deine Behinderung den Umzug in ein Pflegeheim, gelten andere Sätze. Genaue Auskunft kann Dir aber Deine Pflegeversicherung geben. Außerdem findest Du viele weitere Infos und auch aktuelle Gesetzesänderungen unter http://www.bmg.bund.de/pflege.html.

 

Welche Leistungen übernimmt die Krankenversicherung bei einer Behinderung?

Die Krankenversicherung übernimmt die Kosten für alle medizinischen und therapeutischen Maßnahmen, die notwendig sind, damit sich Dein Gesundheitszustand verbessert, erhalten bleibt oder zumindest nicht schlechter wird. Dabei springt die Krankenversicherung sofort ein, wenn Du medizinische Hilfe brauchst. Du musst also nicht wie bei der Pflegeversicherung oder der Rentenversicherung erst eine gewisse Zeit lang Beiträge eingezahlt haben. Und es ist auch nicht notwendig, dass ein Gutachter erst ein bestimmtes Ausmaß der Gesundheitsschäden feststellt.

Allerdings ist es so: Die Krankenkasse ist dann zuständig, wenn Du krank bist oder ein Handicap hast, aber nicht dauerhaft pflegebedürftig bist. Liegt bei Dir hingegen eine dauerhafte Pflegebedürftigkeit vor, ist die Pflegekasse zuständig. Die jeweiligen Leistungen erhältst Du immer nur von einer Kasse. Bezahlt die Pflegekasse beispielsweise schon Pflegesachleistungen und Pflegegeld, übernimmt die Krankenkasse nur noch die Kosten für medizinische Behandlungen. Brauchst Du ein technisches Hilfsmittel, übernimmt die Pflegekasse die Kosten, wenn das Hilfsmittel für die Pflege erforderlich ist. Wird das Hilfsmittel hingegen im Rahmen einer medicischen Behandlung benötigt, bezahlt die Krankenkasse das Hilfsmittel. Wenn Du Dir nicht sicher bist, an wen Du Dich wenden musst, kannst Du aber einfach nachfragen. Sowohl die Krankenkassen als auch die Pflegekassen haben Beratungsstellen, die Deinen Einzelfall prüfen und Dir genaue Auskunft können.

Tipp: Sehr gute Hilfestellung bieten auch die Sozialverbände. Sie kennen sich sehr gut mit dem Sozial- und dem Rentenrecht aus. Wenn Du Hilfe bei Deinen Anträgen brauchst, Widerspruch gegen abgelehnte Anträge einlegen willst oder generell Unterstützung benötigst, können sie Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen.